
Wermelskirchen – Tobias Bösenberg — Zwischen Abschied und Erinnerung – Bestatter und gleichzeitig Trauerredner.
Vorstellung:
In einem stillen Raum, wenn duzende Kerzen flackern und Fotos an den Wänden Erinnerungen wecken, beginnt für den Bestatter nicht nur die organisatorische Arbeit. Dort beginnt auch die Suche nach Worten, die halten, was verloren scheint. In seiner Doppelrolle als Bestatter und Trauerredner erlebt Tobias Bösenberg diese Momente immer wieder – mit jeder Feier, mit jeder Geschichte. Und am letzten Freitag durfte er seine 250. Trauerrede halten. „250 eine Zahl die man so leicht sagt und doch sind es 250 Lebensgeschichten und Lebensschicksale. Jede Geschichte einzigartig“
Als Bestatter für die Verstorbenen in den Städten Wermelskirchen, Burscheid und Leichlingen trägt er die Verantwortung für den Ablauf: Formalitäten, Zeitpläne, die vielen kleinen und großen Entscheidungen, die eine Beerdigung möglich machen. Als Trauerredner trägt er die Verantwortung für die Sprache: welche Erinnerung in den Vordergrund rückt, welche Anekdote Trost stiftet, wie man die Persönlichkeit eines Menschen einfängt. „Beides zusammen zu leisten, ist eine Herausforderung“, sagt er leise. „Man muss gleichzeitig strukturiert sein und offen bleiben für das, was das Herz sagt.“
Diese Doppelrolle ist einzigartig — und fordert mehr als fachliches Können. Sie verlangt, Gefühle zu tragen, ohne die klare Hand zu verlieren. Für viele Angehörige ist genau diese Kombination ein Geschenk: Jemand, der die Abläufe kennt und zugleich die Nähe hat, um die richtigen Worte zu finden. Für ihn selbst bedeutet es, Nähe zuzulassen und sie professionell zu verarbeiten.
Eine der härtesten Reden
Unter den 250 Reden, die er halten durfte, erinnert er sich besonders an eine: die Abschiedsrede für einen jungen Erwachsenen. „Das war eine sehr schwere Aufgabe“, erzählt er. „Da ist nicht nur der Schmerz der Eltern, der des Freundeskreis, sondern auch die Unvollständigkeit eines Lebens, das noch so viel vor sich gehabt hätte.“
Bei dieser Beerdigung war die Balance besonders schwer zu halten: gegenüber den trauernden Eltern, gegenüber Freunden, die wütend und verzweifelt waren, gegenüber der eigenen Wahrnehmung von Ungerechtigkeit. Als Bestatter musste er die reibungslose Organisation sicherstellen; als Redner musste er in Worte fassen, wie dieses junge Leben gelebt, geliebt und vermisst wurde. „Man fühlt die Verantwortung ganz anders, wenn man den Menschen so intensiv kennt“, sagt er. „Man trägt nicht nur die Aufgaben, man trägt die Geschichte dieses Menschen in sich.“
Weil er beide Rollen ausfüllt, lernt er die Verstorbenen oft ausführlicher kennen: ihre Eigenheiten, die kleinen Rituale, die Lieblingsgeschichten, die sonst vielleicht ungesagt geblieben wären. Diese Details – ein bestimmter Witz, eine alltägliche Geste, ein unerwartetes Talent – verwandeln eine Trauerrede aus Phrasen in ein echtes Bild eines Menschen. Angehörige sagen ihm, dass sie sich gesehen fühlen; das ist für ihn die größte Bestätigung.
Doch diese Nähe bringt auch Schmerz: Erinnerungen, die beim Vorbereiten hochkommen, Begegnungen, die nachklingen. Er muss Wege finden, sich zu schützen, ohne kalt zu werden. Professionelle Distanz? Ja. Menschliche Nähe? Unbedingt.
Abschied mit Würde
In einer Zeit, in der vieles standardisiert erscheint, ist seine Arbeit ein stiller Gegenentwurf. Hier geht es nicht um Effizienz allein, sondern um Würde, um Authentizität. Jede Feier soll dem Leben gerecht werden, nicht nur den Formalitäten. „Ich möchte, dass die Menschen am Ende das Gefühl haben: Er oder sie wurde wirklich gesehen“, sagt er.
Auch der Ort für die Trauerfeier ändert sich gerade und wird sehr individuell. Ob in alten Scheunen auf einem Bauernhof oder in dem geliebten Garten des Verstorbenen, Beerdigungen sind nicht nur in den Friedhofskapellen möglich. Viele Angehörige würden dies nicht wissen und sind sehr dankbar für diese Ideen, denn sie machen die Trauerfeier für den Verstorbenen einzigartig.
Seine Arbeit ist mühsam, emotional schwer und zugleich zutiefst sinnstiftend. Die Kombination aus organisatorischer Kompetenz und der Fähigkeit, seelenvolle Worte zu finden, macht seine Arbeit einzigartig und für viele unersetzlich. Und obwohl manche Abschiede ihn noch lange begleiten — besonders jene, bei denen das Leben so früh endete — gibt er den Trauernden das, was sie am meisten brauchen: ein würdiges Erinnern, geordnete Abläufe und die Gewissheit, dass aus Abschied eine liebevolle Erinnerung wird.
Foto: Tobias Bösenberg




